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Philosophischer Literaturanzeiger, Band 54, Heft 3, 2001

Ein Fernziel der gegenwärtig nach wie vor heiß diskutierten Stammzellforschung ist die Herstellung ganzer Organe, um dem Problem des stetig wachsenden Mangels an transplantierbaren Organen entgegenzuwirken. Einen anderen Lösungsversuch für dieses Problem stellt die Xenotransplantation (XT) dar, bei der Tiere als Organquellen dienen. Den hiermit verbundenen ethischen und rechtlichen Aspekten ist der von M. Quante und A. Vieth herausgegebene Band gewidmet. Dessen Kernstück bilden die überarbeiteten Versionen dreier Gutachten von M. Quante, S. Jungehlodt und R. Paslack, die als Literaturberichte für das Büro für Technologiefolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag verfaßt wurden. Eingerahmt werden diese drei Beiträge zum einen durch einige einleitende Bemerkungen von D. Birnbacher zu Problemen sowohl der Technologiefolgenabschätzung im allgemeinen als auch der Technologiefolgenabschätzung bei der XT im besonderen und zum anderen durch zwei ausführliche Verzeichnisse von Literatur und Webseiten zum Thema XT, die A. Viech zusammengestellt hat. Im ersten Beitrag des Bandes befaßt sich M. Quante mit den ethischen Aspekten der XT. Dabei geht er davon aus, daß für die ethische Bewertung der XT relevant ist, inwiefern dadurch 1. nichtmenschliche Ansprüche (also vor allem die der als Organquellen genutzten Tiere), 2. menschliche Ansprüche (angefangen mit denen der potentiellen Organempfänger/innen und endend mit denen der Gesellschaft im allgemeinen) und 3. Fragen der Verteilungsgerechtigkeit betroffen sind (18). Anhand einer genauen Beleuchtung dieser drei Problemkreise möchte er vier Prämissen auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüfen, die seiner Ansicht nach die Diskussion um die XT beherrschen (16 f.). Hiervon lautet die erste, daß die Allotransplantation (also die Mensch-zu-MenschTransplantation) als eine ethisch legitime Option gilt. Die zweite Prämisse besagt, daß mittels der XT der Mangel an transplantierbaren Organen zumindest gemindert, wenn nicht sogar beseitigt werden könnte. Laut der dritten Prämisse besteht, soweit menschliche Ansprüche durch die XT betroffen sind, die ethisch entscheidende Frage in der Abwägung des individuellen Nutzens von Xenotransplantatsempfänger/innen mit dem Epidemierisiko, das die Gesamtgesellschaft aufgrund einer möglichen Kontamination von Xenotransplantaten mit bekannten wie auch mit noch unbekannten Krankheitserregern zu tragen hat. Die vierte Prämisse lautet schließlich, daß die Nutzung von Tieren zu Zwecken der XT unter bestimmten Umständen ethisch unfragwürdig ist. Bezüglich dieser Prämissen kommt Quante in seiner äußerst detailliert und durchweg nachvollziehbar durchgeführten Untersuchung zu folgendem Ergebnis: Die Prämisse (4) kann angesichts nichtmenschlicher Ansprüche zumindest als strittig bewertet werden (61 f.); die Prämisse (3) muß unter Berücksichtigung von allen menschlichen Ansprüche als unangemessen gelten (62); die Prämisse (2) erweist sich in bezug auf Fragen der Verteilungsgerechtigkeit als fraglich (62 f.); und selbst die erste Prämisse, die nicht kategorisch begründbar sei, sondern auf "fragilen Voraussetzungen" beruhe, könnte im Lichte der sich aufgrund der Problematisierung der Prämissen (2) bis (4) ergebenden Fragwürdigkeit der XT anzweifelbar werden (63). S. Jungeblodt widmet sich in seinem Beitrag den rechtlichen Aspekten der XT, indem er untersucht, welche rechtlichen Bestimmungen überhaupt auf die XT Anwendung finden können, welche Bewertung bzw. Regulierung diese rechtlichen Bestimmungen dafür nahelegen und wo gegebenenfalls noch ein legislativer Nachhesscrungsbedarf bestehen könnte. Hierbei setzt er sich sowohl mit Bundesdeutschen Rechtsnormen (angefangen mit dem Grundgesetz (76 ff.) und endend mit dem Patentrecht (120 f.)) als auch mit Europarechtlichen Bestimmungen (126 ff.) auseinander und gibt außerdem noch einen Überblick über die nationale Rechtslage in anderen Ländern (122 ff.). R. Paslack schließlich vergleicht in seinem Beitrag eine Reihe von nationalen und supranationalen Studien zum Thema Xenotransplantation mit dem Ziel, 1. den internationalen Stand der Diskussion um die XT darzustellen, 2. den Bedarf nach einer eigens Bundesdeutschen Studie zur XT zu evaluieren und 3. die in einer solchen Studie zu diskutierenden Fragen zu formulieren (139 f.). Als Ergebnis seiner Untersuchung ergeben sich Empfehlungen für den Deutschen Gesetzgeber (199 f.), welcher ja Auftraggeber der in diesem Band versammelten Gutachten war. Alle drei Beiträge sind überaus reichhaltig an Informationen, was bei ihrem jeweiligen Umfang (mit rund 50 Seiten ist Quantes Text der kürzeste) als durchaus angemessen anzusehen ist. Andererseits sind, wie leider so häufig und wohl kaum vermeidbar bei Sammelbänden zu einem einzelnen Thema der praktischen Ethik, auch Wiederholungen zu verzeichnen. Zwar sind die Texte insgesamt sehr verständlich geschrieben, allerdings hätte man sich ein Glossar für die medizinischen und biologischen Fachtermini gewünscht, wie man es in vielen neueren medizin- und bioethischen Publikationen finden kann. Das Fehlen eines solchen Glossars dürfte den "interessierten Nichtspezialisten", an die sich der Band laut Klappentext auch wenden will, die Lektüre eher erschweren. Bioethisch erfahrenere Leser/innen werden aber ohne größere Probleme mit den Texten zurechtkommen und sie sogar als äußerst hilfreich empfinden, umeinen möglichst erschöpfenden Überblick über den gegenwärtigen Stand der ethischen und rechtlichen Diskussion zum Thema XT zu bekommen.
Tobias Krohmer


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Die Herausgeber/innen

Michael Quante

ist Professor für Praktische Philosophie am Philosophischen Seminar der Universität Münster...
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Andreas Vieth

geb. 1968. 1990-1996 Studium der klassischen Philologien und der Philosophie in Münster....
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