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Ethik in der Medizin, 2003

Debatten um die Chancen und Risiken der artübergreifenden Organverpflanzung (Xenotransplantation) stehen derzeit eher im Windschatten der Stammzellforschung, an welche sich ja ebenfalls Hoffnungen auf eine effiziente Alternative zur herkömmlichen (Allo-) Transplantionsmedizin knüpfen. Doch auch dann, wenn sich hier die wissenschaftlichen Erwartungen erfüllen und die ethischen Probleme handhaben lassen sollten, würde es viele Jahre dauern, bis der erträumte, aus Stammzellen maßgeschneiderte Gewebs- und Organersatz seinen Einzug in die klinische Wirklichkeit nehmen könnte. Die heutige Realität für transplantationsbedürftige Patienten aber ist bedrückend: Trotz des Ende 1997 in Kraft getretenen deutschen Transplantationsgesetzes klaffen das Angebot und der Bedarf an Spenderorganen (von Verstorbenen, die zu Lebzeiten eine entsprechende Verfügung erließen) zunehmend auseinander. Sinkende statt steigender Spendebereitschaft und ein wachsender Organbedarf lassen den "Tod auf der Warteliste" immer häufiger werden. In dieser Situation ist eine informierte und kritische Bewertung der Alternative Xenotransplantation (XT) noch ebenso wichtig wie sie es war, als das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag jene drei Literaturberichte in Auftrag gab, die in überarbeiteter Form das vorliegende Buch ausmachen. Es sind dies eine ethische Berichterstattung des Philosophen Michael Quante, eine Analyse der rechtlichen Situation von Stefan Jungeblodt und eine Auswertung nationaler und internationaler Gutachten durch den Sozialwissenschaftler Rainer Paslack - alle drei bewandert in Fragen von Biorecht bzw. -ethik. Ergänzt werden diese drei umfangreichen Kapitel noch durch eine ausführliche interdisziplinäre Bibliografie zur XT (Andreas Vieth). Die Übertragung von Tierorganen auf Menschen ist weit davon entfernt, eine therapeutische Option zu sein. Von den 60er bis in die 90er Jahre hat es weltweit einzelne spektakuläre, aber wenig erfolgreiche Versuche gegeben, vital bedrohte Patienten durch die Transplantation von Primatenorganen zu retten. Seit den 90er Jahren setzt man eher auf die vermeintlich weniger riskante und ethisch unproblematischere Verwendung von Schweineorganen, hat diese aber wegen der Probleme-Trias (1) Infektionsgefahr durch mitübertragene Viren; (2) Abstoßungsrisiko; (3) mangelhafte Organfunktion nach einzelnen Misserfolgen, in den frühen 90er Jahren, bisher am Menschen nicht erneut unternommen bzw. publiziert. Eine Ausnahme haben vereinzelte Versuche gebildet, ein lebensbedrohliches menschliches Organversagen durch den Einsatz extrakorporaler Schweinelebem zu überbrücken. Bei diesem Stand der Dinge kann es kaum überraschen, wenn die Analysen der internationalen Stellungnahmen einerseits und der einschlägigen (wenngleich nicht spezialgesetzlichen) deutschen Rechtsvorschriften andererseits den gegenwärtig hochriskanten und experimentellen Charakter der XT in den Vordergrund stellen. Vor einem hypothetischen Einsatz als Heilversuch wären ein Moratorium zu erwägen, bekannte Risiken zu verringern, unbekannte zu evaluieren, Regulierungen zu präzisieren. Der Grundtenor dieser beiden informativen und sich gut ergänzenden Kapitel: keine kategorischen - verfassungsrechtlichen oder ethischen - Gegengründe, wohl aber Vorsicht bzw. Skepsis hinsichtlich einer künftigen klinischen Perspektive der XT. Wiederum ergänzend, aber diesmal im Ergebnis vielleicht doch überraschend, ist nun das explizite Ethik Kapitel des Buches. Michael Quante rezipiert kritisch und kompetent das einschlägige (zum größeren-Teil angloamerikanische) Schrifttum und bezieht argumentierend Position auf den drei wesentlichen Problemfeldern der XT-Beurteilung. Da geht es, erstens, um die durch XT tangierten nichtmenschlichen Ansprüche oder Aspekte: Während nach Quante diejenige XT-Kritik, die auf die Widernatürlichkeit des Verfahrens oder auf abstrakte Ansprüche der betroffenen Tierarten verweist, wenig überzeugend ist, sind die tierethischen Argumente, die auf das Leiden und Sterben der konkret betroffenen "Spender"-Tiere verweisen, offensichtlich relevant, in der Sache begründet, aber notorisch umstritten. Die Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität, die den Tieren durch verschiedene experimentierende Eingriffe, vor allem aber durch die Notwendigkeit einer keimfreien Aufzucht zugemutet wird, ist massiv. Ob sie ethisch durch die Vorzüge der XT aufgewogen wird, lässt sich nicht begründet entscheiden, ohne auf die strittige ethische Grundfrage nach der Rechtfertigung der Sonderstellung menschlicher Belange - also des ethischen Anthropozentrismus - zurückzugehen. Jedenfalls aber müsste die Bilanz des durch XT zu realisierenden Nutzens für die betroffenen Menschen deutlich positiv ausfallen. Von diesem zweiten Problemfeld betont Quante, dass es sich keineswegs auf eine Abwägung des individuellen Nutzens für den Organempfänger gegen das gesamtgesellschaftliche Risiko einer möglicherweise unkontrollierbaren Infektion verengen lasse. Zum einen eben verspreche XT mit ihren physiologischen, immunologischen und infektiologischen Problemen gegenwärtig keinen individuellen Heilerfolg, zum anderen drohten für den Patienten (und seine Umgebung) erhebliche Einschränkungen seiner Lebensqualität. Diese könnten aus der psychosozialen Verarbeitung des Eingriffs und den lebenslänglichen Überwachungsmaßnahmen resultieren, wie sie insbesondere durch das kaum einschätzbare Infektionsrisiko unter Umständen regelrecht verlangt werden müssten. Andererseits stünde auch für die Gesellschaft mehr auf dem Spiel als die besagte derzeit kaum abwägbare Gefahr bedrohlicher Infektionskrankheiten. Hier drohten etwa Veränderungen im Verhältnis zwischen Arzt und Patient (Stichwort: Überwachungszwang) und in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Transplantationsmedizin. So angemessen diese erweiterte Perspektive ist, so berechtigt sind allerdings auch gewisse Zweifel dran, ob Quantes Pinsel bzw. die von ihm rezipierte Literatur hier nicht etwas zu düster malen. Forschungsbedarf zu XT also auch für die empirische Sozialwissenschaft. Ganz düster schließlich fällt Quantes Bild des dritten Problemfeldes aus, auf dem es um das Potenzial der XT geht, das Problem der Organknappheit zu mildem. Diese Hoffnung, unbestreitbar wesentlicher echtfertigungsgrund für XT, sei auf lange Sicht illusorisch - und zwar auch dann, wenn es gelänge, sie zu einer ernsthaften therapeutischen Option zu machen. Zum einen nämlich würde XT Verteilungsprobleme neuer Art schaffen: Die Verwendung tierischer Organe mit ihrer kürzeren Funktionsdauer ziehe einen erhöhten Bedarf an (sekundärer) Allotransplantation nach sich. Die relative Nachteiligkeit der Tierorgane würde Kriterien dafür erforderlich machen, wer (primär) ein menschliches und wer (bloß) ein tierisches Transplantat erhalten solle. Zum anderen spreche gegen XT, "dass sie nicht nur nicht hilft, die Organknappheit zu beseitigen, sondern darüber hinaus die fragilen Voraussetzungen, unter denen die Allotransplantation eine ethisch unterstützenswerte medizinische Therapie sein kann, zerstört" (S. 63). Das ist harter Tobak, bringt Quante zu einer weitgehend negativen ethischen Beurteilung von XT - und fordert zum Widerspruch heraus. Einmal angenommen, das Angebot an menschlichen Transplantaten bliebe gleich hoch und zusätzlich ließe sich eines Tages XT als (schlechtere) Alternative einsetzen. Statt auf der Warteliste zu sterben könnten vital bedrohte Patienten erst ein tierisches und danach evtl. ein menschliches Transplantat erhalten. Diese Entwicklung mag man aus vielen Gründen - Patienteninteressen, Tierschutz, Bezahlbarkeit etc. - für problematisch halten oder ablehnen. Aber das Argument von der verschärften statt gemilderten Verteilungsproblematik kann so einfach nicht überzeugen, weil diese "Verschärfung" ja durch das Positivum verhinderter Todesfälle auf der Warteliste zustande kommt. Mit XT die Problematik des Organmangels mildem zu wollen, heißt doch wohl in erster Linie: Leben retten und nicht Verteilungsprobleme als solche umgehen wollen. Es mag in der Ethik und Politik Konstellationen geben, wo ein Umgehen von zusätzlichen Verteilungskämpfen seinen gerechtfertigten Preis hat. Ob der Verzicht auf Lebensrettung durch XT (sollte sie denn möglich werden) dazu gehört, lässt sich jedenfalls bezweifeln.
Auch das zweite Argument, XT sei dazu angetan, die labile Akzeptanz der  llotransplantation zu gefährden und auf diese Weise den Mangel an Organen zu verschärfen, ist nicht unproblematisch. Ursächlich, so Quante, würden hier der mit XT einhergehende ... Verlust des Spendercharakters, Einschränkungen der Freiwilligkeit, Zunahme der Ökonomisierung und die weiter geschürte Technikskepsis, in Verbindung mit der bereits dargestellten Sorge um die Instrumentalisierung der Natur und den menschlichen Körper sowie der zu erwartende Druck auf die Nutzung menschlicher Nichtpersonen als Organquellen" sein (S. 59). Aber wie wahrscheinlich, wie unausweichlich und wie folgeträchtig ist das Eintreten dieser befürchteten Entwicklungen wirklich? Die Debatten um die ethische Bewertung der Xenotransplantation sind wohl weder überholt noch entschieden. Das vorliegende Buch jedenfalls, das - dem Thema angemessen - insbesondere im Ethikteil keine "leichte" Lektüre bietet, bereichert diese Diskussion nachhaltig.



Bettina Schöne-Seifert


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Die Herausgeber/innen

Michael Quante

ist Professor für Praktische Philosophie am Philosophischen Seminar der Universität Münster...
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Andreas Vieth

geb. 1968. 1990-1996 Studium der klassischen Philologien und der Philosophie in Münster....
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